Freitag, 2. April 2021

Corona-Fatique: Über das Meditieren mit Autos.

Ich vermisse Menschen. Zumindest glaube ich das. Zwar lebe ich in einer Millionenstadt und eine Autofahrt durch Wedding lässt Corona beinahe als fiktive Netflix-Parallelwelt erscheinen. Ein Krankenwagen, ein zweiter, ich mache Platz. Polizeiaufgebot vor einem Hochhaus, beim Vorbeifahren sehe ich einen Mann in Handschellen, umringt von gelassenen Berliner Polizeibeamten. Und doch: Gestresste Langeweile. Panische Traurigkeit. Null-Bock-Melancholie. Einträge aus meinem Kalender der letzten Monate. Der Versuch, die aktuelle Stimmung zu beschreiben, die einer Achterbahn aus rohen Eiern gleicht. Laune? Divers.

Ich weiß jetzt, dass ich damit vermutlich nicht alleine bin. So zeigen es zumindest Instagram-Posts, Artikel und Medienberichte der letzten Wochen. Und dennoch fühlt es sich so an, als würde etwas mit mir nicht stimmen. Ich habe sogar Urlaub, die Sonne scheint, geh doch raus! Nachdem ich dreimal ansetze, schaffe ich es auch. Dabei bin ich dennoch irgendwie müde. Bleiern. Es gibt die inzwischen vielbeschriebene Zoom-Fatique - vielleicht trifft das auch gut den Kern dieses Corona-Gefühls.

Dabei hatte das Jahr gut begonnen. Soweit man das sagen kann, in einer weltweiten Pandemie-Situation, die alle an ihre Grenzen bringt. Körperlich, emotional und seelisch. Und das ist eben nicht das Gleiche. Aber ich hatte mir einen Plan gemacht. Ich wollte meditieren lernen. Und ich habe auch damit angefangen. Nach wenigen Wochen höre ich, wie Menschen in meinem Umfeld mir das sogar in Videokonferenzen anmerken. Innere Euphorie. Doch ein stressbedingter Tinnitus flüstert mir wenige Wochen später das Gegenteil ins Ohr. Also gut: mehr Bewegung muss her. Sport-Daily um 9, Spaziergang mit Achtsamkeits-Podcast auf den Ohren um 12 und Meditation um 19 Uhr. Sagt mein Kalender. Schokolade und ein Glas Wein sagt die Realität. Gut, nun muss ich mich nicht schlecht machen, ich bewege mich wirklich mehr - meditiere allerdings weniger. Und dann kommen die Tage, an denen einfach alles diffus ist. Fühle mich zu schwer, um wirklich was zu reißen. Dabei drängen sich die Sachen, die ich doch eigentlich so gern machen wollte. Jetzt, wo ich frei habe. Mehr Zeit. Keine Ausreden.

In der Meditationsanleitung hieß es, man solle die Gedanken kommen lassen. Und auch gehen lassen: Stell dir vor, du sitzt an der Straße. Es fahren Autos vorbei. Doch statt auf jedes Auto zu zu rennen und zu versuchen, den Verkehr zu regeln, setze dich einfach an den Rand und schaue nur zu. Lass sie vorbeifahren. Sie sind gerade nicht wichtig. Die Vorstellung beruhigt mich und ich habe dazu ein klares Bild im Kopf. Und doch fühlt es sich manchmal so an, als säße man mitten auf dieser Straße. Laut, unaufhörlich, irgendwie überfahren.

In meinem Kalender blättere ich zurück an die guten Tage. Spaziergang, Videokonferenz, Überraschungsbesuch vor der Tür. Ich weiß nicht, ob es einfach eine Art Corona-Laune ist, für die sie später noch ein tolles Wort erfinden werden, was dann feierlich in den Duden aufgenommen wird, wenn wir uns kopfschüttelnd zurückerinnern, wie diese Pandemie-Zeiten waren. Wir werden lächeln, ja vielleicht uns selbst belächeln, weil wir schon gar nicht mehr verstehen können, warum es uns so – nicht schlecht, nicht gut – aber irgendwie komisch ging. Diffus. Zu finden unter Ahumanopenie, Mangelerscheinung.

Sonntag, 6. Dezember 2020

Weihnachten 2020

Und plötzlich brennt wieder die zweite Kerze. Wir schauen die gleichen Filme wie im letzten Jahr, backen das gleiche Plätzchen-Rezept und überlegen wieder, was wir Tante Ursula nun schenken. Und dazwischen? Ein Jahr rum. Fühle mich genauso allein wie vor einem Jahr. Wo ist es hin, dieses Jahr? Feiertage und Trubel; dann ein Virus, der um die Welt geht. Das Zuhause wird mehr Mittelpunkt, als wir es uns jemals hätten vorstellen können. Freizeitstress heißt jetzt, sich selbst zu isolieren um die Lieben sehen zu können. Und manch einer wird darauf sogar zu Weihnachten verzichten.

Was aber hatte ich mir vorgestellt? Wie hätte das Jahr denn sonst ausgesehen? Wilde Partys in einer Sommernacht am Kanalufer? Endlose Abende auf dem Balkon mit Freunden? Vielleicht ein Date? Das kleine Herzsymbol in der Ecke meines Displays bedeutet inzwischen nur sinnloses Wischen ohne echte Möglichkeit. Einfach nur ein verlorenes Jahr? Versackt ohne die Möglichkeiten zu nutzen, die es gegeben hätte? Eine Sprache lernen, Sport machen, sich selbst finden? Alles wieder eine Möglichkeit für die nächsten guten Vorsätze. Und ebenso nichtig.

Freitag, 27. März 2020

Mit Jogginghose in der digitalen Warteschlange

Ein Erfahrungsbericht nach zwei Wochen Homeoffice


Zugegeben, ich bin ein Fan vom Homeoffice. Arbeit und Privates vermischt sich in meinem Kopf sowieso, warum nicht auch der Ort des Geschehens? Ich lebe alleine, weder störe ich also jemanden, noch habe ich die chaotischen Aufgaben des Homeschoolings von zwei Kindern zu bewältigen. Corona zwang mich nun, dies nicht nur ein oder zwei Tage zu tun, um einen kreativen Fokus zu bekommen, sondern den Alltag genau so zu gestalten. Probleme oder gar Angst machte mir das zunächst einmal nicht. Und dennoch ist seit zwei Wochen gefühlt Alles ein klein wenig anders. 

Ich sitze auf dem Balkon in der Mittagssonne. Ein Stück die Straße hinunter übt jemand Opernarien und vom Balkon nebenan starrt mich die Nachbarskatze an. Das Telefon klingelt. Mein Esstisch ist nun mein Schreibtisch geworden. Fast jeden Tag sitze ich hier zwischen zwei und sechs Stunden vor der Kamera. Videocalls (zu denen mein lieber Kollege Daniel hier wertvolle Best Practices liefert!) ersetzen das Sitzen in Meetingräumen. Und wie ich bemerke, ist das durchaus nicht weniger produktiv. Im Gegenteil. Ein kurzer Zoff verpufft schneller auf dem heimischen Balkon. Kochen in der Mittagspause sortiert die eignen Gedanken. Das Feierabendbier mit den Kolleg*innen schmeckt auch virtuell.

Gemeinsam weniger allein.


Natürlich ist die Corona-Krise auch geprägt von wirtschaftlichen Ängsten. Künstler, Kleinunternehmerinnen, gastronomische und kulturelle Betriebe stehen teils vor dem Ruin. Für die Beantragung von Soforthilfen der Bundesregierung ist die Seite der ibb zunächst zusammengebrochen. Als die Infrastruktur wieder steht, muss man sich zur Antragsstellung Zeit nehmen. Die Nachricht: „Es befinden sich 35.739 Teilnehmer vor Ihnen in der virtuellen Warteschlange.“ Nun ist also auch das Warten virtuell geworden. Und dennoch genauso nervig wie analog. Um mich herum sehe ich derzeit aber auch viel Kreativität! Gastronomen, die ihre Vorräte für den guten Zweck kochen, eine Pastorin, die auf Instagram aus der Bibel liest, Pizzaläden, die Teig to go anbieten. Vielleicht ist das ein Schritt in die richtige Richtung, ein Weiterdenken. Verursacht und ermöglicht durch einen Virus. Umgesetzt von vielen einzelnen Wohnzimmern aus.

Aber Einsamkeit? Eher nicht. Ich lerne die Wohnzimmer-Einrichtungen meiner Kolleginnen und Kollegen kennen und schwatze mit ihnen auch mal über Kinder und Kochvorhaben zu Zeiten des Kontaktverbotes. Fast jeden Abend telefoniere ich mit verschiedenen Freunden und der Familie. Viel Neues gibt es bei kaum jemandem, aber wir tauschen uns aus. Auch über’s Homeoffice. Und wie ich dabei erfahre, ist das Gefühl des nach-Hause-Kommens durchaus ein Unterschätztes. Ich empfehle diesem Freund ein reelles Feierabendbier und denke noch lange darüber nach, dass Homeoffice auch Schwierigkeiten bergen kann. Das Homeschooling-Board der Tochter einer Kollegin zeigt mir, wie viel da „nebenbei“ noch zu tun sein kann. Doch was ist „nebenbei“? Sind Kinder Nebensache? Ist der Job Nebensache? Beides unvereinbar?

Aufforderung zur Vereinbarkeit.


Eine andere Kollegin schreibt mir, dass sie sich zum Meeting in großer Runde wohl verspäte. Kochen für die Kids ist angesagt. Ich finde, niemand muss sich hier entscheiden müssen. Widersprüche sind manchmal nur eine stille Aufforderung zur Vereinbarkeit. Und Flexibilität im Kopf. Kurzerhand wird das OKR-Meeting mit zoom.us aufgenommen und den anderen Kolleg*innen zur Verfügung gestellt. Ein Slack-Channel für Fragen steht offen. Abends dann beim virtuellen Check out lassen wir alle die letzte Woche passieren. Irgendwie ist gar nichts so richtig schief gegangen?

Doch da ist die Sache mit dem Vertrauen. Ich habe in meinem Umfeld nämlich auch Personen, bei denen sich die Führungskraft sehr spät oder gar nicht dazu durchringen kann, in Zeiten der Pandemie Homeoffice für die Mitarbeiter*innen zu ermöglichen. Während ich schon seit vier Tagen in Jogginghose arbeitete, ist dieser Schritt in anderen Unternehmen offensichtlich ein nicht so leichter. Gründe reichen von Szenarien, in denen aufgrund standardmäßiger Festplatz-PCs erst einmal Laptops für die komplette Belegschaft geordert werden müssen, hin zu der Begründung des Chefs, dass er ja nicht überprüfen könne, dass alle daheim auch arbeiteten. Hier fehlt es ganz offensichtlich an einem Grundvertrauen. Führung (hier mein Artikel zum Thema Management vs. Leadership) wird auch heutzutage noch viel zu häufig als reine Kontrollaufgabe verstanden. Die Grundannahme aus jeder Retro scheint in Zeiten von Corona nichts von ihrer Relevanz eingebüßt zu haben, sondern ganz deutlich an die Oberfläche des beruflichen Alltags zu treten:

Egal was eine Person tut, gehen wir immer davon aus, 
dass diese das nach bestem Wissen und Gewissen tut, 
um etwas Positives zu bewirken.

Und nur, weil mein Chef nicht neben mir auf dem Balkon sitzt, gibt diese Grundannahme die Sicherheit eines wirklichen HomeOFFICES. Studien zeigen, dass Leute zuhause eher mehr als weniger arbeiten. Und was ich dabei anhabe, geht Keinen etwas an. In der Sonne sitzen, ist kein Faulenzen. Abwaschen beim gemuteten Headset während eines Meetings? Warum nicht? Hauptsache das Ergebnis ist gut. Und hier können wir alle weiterhin an einem Strang ziehen, uns schnell per Telefon oder Videocall zusammenfinden, auf digitalen Whiteboards gemeinsam kreativ sein.

Flexibel oder strukturlos?


Wenn ich den Browser öffne: „10 Tipps gegen Langeweile zuhause“. Langeweile? Ich arbeite! Und zwar Vollzeit! Hinweise ploppen auf, wie Homeoffice gelingen kann. Viele Artikel, Videos und Hinweise empfehlen mir derzeit, mich anzuziehen wie sonst, jeden Tag zur selben Uhrzeit meinen (Arbeits-)tag zu starten, mir einen Plan zu machen. Ich komme ins Zweifeln. Mache ich da etwas falsch? Bedeutet Homeoffice für mich doch die Flexibilität, sich den Tag dem eignen Flow anzupassen.

Wenn also der Kopf raucht – warum ein schlechter Gewissen haben, bei einer Folge der spannenden neuesten Netflix-Serie? Um 30 Minuten später wieder den Kopf für den nächsten Task frei zu haben. Natürlich gilt es, Kundenanfragen zu beantworten, Meetingtermine einzuhalten, eben den Job zu machen. Aber am Vormittag keine Videocalls, keine Meetings? Was spricht gegen die Jogginghose? Für viele Kreative, Berater und Coaches ist Gemütlichkeit auch eine geistige Einstellung, vielleicht sogar Hilfestellung. Natürlichkeit, Einfühlungsvermögen und Freiheit im Kopf helfen uns, für unsere Kunden da zu sein, Lösungen zu finden, weiterzudenken.

Nicht mehr Regeln als nötig.


Wer Struktur braucht, kann sich natürlich weiterhin seinen Tag planen, auch ich mache das hin und wieder. Pläne – nicht nur im agilen Alltag – funktionieren zwar meist nicht, aber eine mit Bedacht gefüllte Input Queue auf meinem digitalen Kanban-Board kann ja nicht schaden. Auch gibt es ein paar zeitliche und digital-soziale Regeln, wie das virtuelle Daily im Slack-Channel der Teams. Doch neue Strukturen zu schaffen, nur der Struktur wegen, halte ich nicht für hilfreich. Denn im Homeoffice geht es nicht darum, plötzlich die eigene Arbeit schleifen zu lassen und dafür händeringend Strukturen schaffen zu müssen, sondern sich die Freiheit nehmen zu können, die der eigenen Arbeit zu Gute kommt. Und die kann für Jeden etwas Anderes bedeuten. Das kann ein ausgedehnter Mittagsspaziergang mit den Kindern sein oder ein Home-Workout zwischen zwei Meetings, um den Kopf frei zu bekommen. Oder eben die Jogginghose.

Im Videochat mit Freunden machte gestern jemand den Scherz: „Naja, eigentlich kann es für dich ja dann immer so weitergehen!“ Ich habe kurz überlegt. Öfter wieder Freunde und Kollegen sehen fände ich nach Corona schon schön. Aber Homeoffice nicht zur Ausnahme zu machen auch. Eine neue Ausgewogenheit wäre für die Situation nach der Pandemie vielleicht wirklich hilfreich? Wir können hier sehen, was Corona also auch bietet: Eine Chance, Arbeit neu zu denken. Und wer weiß, vielleicht wird aus #NewWork auch #NewLife?

Dieser Artikel erschien auch im Blog der Leanovate GmbH: 
https://www.leanovate.de/mit-jogginghose-in-der-digitalen-warteschlange/ 

Montag, 27. Januar 2020

Ein Jahr danach: Vom Reisen.

Heute vor einem Jahr bin ich aufgebrochen. Vielen Dank an Facebook für die Erinnerung daran. Vor einem Jahr also. Auf nach Thailand. Auf jeden Fall auf eine Reise. Ich erinnere mich noch gut daran,  wie ich im Flughafen sitze, in die regenverhangenen Wolken Berlins schaue und auf's Boarding warte. Aufgeregt? Ja. Aber irgendwie auch die Ruhe selbst. Heute weiß ich, was in-sich-selbst-ruhen bedeutet. Oder habe zumindest hin und wieder eine kleine Ahnung davon. 

Muss man wirklich 8969 km weit fliegen, um eine Reise zu machen? Wahrscheinlich nicht. Und dennoch waren diese 8969 km nur der Startschuss für eine viel größere Reise. Der zu mir selbst. Heute, ein Jahr danach, wohne ich woanders und alleine, habe eine andere Rolle in meinem Job und meine mich ein kleines Stückchen besser zu kennen. Habe ich mehr Antworten? Eigentlich nicht, nein. Aber ich stelle mehr Fragen. Stelle sie in einem Kontext, der mir vorher nicht die Sicherheit gegeben hätte, sie zu stellen. Möglicherweise ist genau das die besagte Komfortzone. Aber es wird sich nicht die Umgebung verändern und diesen Kontext herstellen, sondern wir selbst sind es, die uns diesen Kontext schaffen. Wie? Da draußen muss sich gar nichts ändern - wir selbst sind es, die sich ändern können. Und damit ändert sich alles. Und schon seid ihr raus (aus der Komfortzone) und gleichzeitig mittendrin. Mitten auf der Reise, die sich Leben nennt. Der Flug nach Thailand? Wirkt nun wie der Nachhall der Startpistole im Nieselregen einer Großstadt im Januar.

"Die eigentlichen Entdeckungsreisen bestehen nicht im Kennenlernen neuer Landstriche, sondern darin, etwas mit anderen Augen zu sehen."
 Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Marcel Proust)

Sonntag, 22. Dezember 2019

Der Weihnachtsbaumkauf

Ich hatte es romantischer in Erinnerung. Als ich auf den Parkplatz vor dem Lidl einbiege und mich unsicher umschaue, ob ich hier auch zum Besuch des Tannenparadieses richtig bin, zweifle ich noch ein wenig. Als ich hier vor ein paar Wochen vorbeigefahren und durch den Zaun die wunderschönen Bäume bewundert habe, hatte ich es mir so schön vorgestellt: Ich werde hier hingehen. Drei Tage vor Heiligabend werde ich hier einen Baum aussuchen. Alleine. Und stolz, dies zu tun. Das Jahr war nicht immer einfach – doch warum sollte ich mich selbst mit der Abwesenheit eines Weihnachtsbaumes bestrafen? Das bin nicht ich. So stand fest, ich werde auch alleine einen Baum haben. Wie in jedem Jahr. Fast the same procedure. Und doch so anders.

Etwas zögernd betrete ich den Baummarkt. Ein paar Jungs und eine burschikose mittelalte Dame blödeln laut herum. Das Verkaufspersonal also. Sie nehmen kaum Notiz von mir. Und ich bin ihnen in diesem Moment sehr dankbar.

Ich schlendere herum. Will mir alles einmal ansehen, keinen Baum verpassen. Ich bin da sehr akribisch. Nach den ersten drei Bäumen fällt mir ein an den metallenen Bauzaun gelehnter Baum auf. Etwas lieblos steht er da in die Ecke gestellt. Ich richte ihn auf. Finde ihn sofort sehr schön. Aus dem Bauch heraus. Da ich ja trotz aller Romantik eines Weihnachtsbaumkaufes die eben erwähnte Genauigkeit nicht abstellen kann, sehe ich mir alle anderen ebenso an. Es stellt sich keinerlei Gefühl ein. Sehe, dass mein Baum heruntergesetzt ist. Nenne ihn in Gedanken schon „mein Baum“…

Nach drei Runden um den Platz – immer verbunden mit einem Blick, ob „mein Baum“ noch da ist – sehe ich einen anderen. Gelehnt an einen Sägebock ist er nahezu perfekt. Ich sehe ihn mir an und drehe ihn. Gerade gebaut, schöne Spitze, perfekte Abstände. Mein Bauch? Sagt nichts. Ich versuche herauszufinden, warum. Wieder sehe ich herüber, ob der andere noch dasteht. Im Vergleich dazu hat er nämlich durchaus seine Macken. Etwas lange Spitze, einen größeren Abstand zu den darunterliegenden Etagen, etwas angetrockneter Matsch an ein paar Ästen. Und dieser hier? Mir dämmert es. Er erinnert mich einfach zu sehr an alle vorhergehenden Bäume. Und damit bekomme ich das Gefühl, er würde mir nun, in meinem neuen Wohnzimmer, eine Welt vorspielen, die es nun nicht mehr gibt. Vielleicht zu perfekt.

Ich gehe rüber und schau mir meine erste Wahl noch einmal an. Objektiv gesehen, hat er ein paar Knackse. Aber subjektiv – ist es genau, wie es sein muss: Ein gutes Gefühl und äußerlich ein paar Macken. Ich nehme ihn. Ich finde, er passt zu mir. Gerade jetzt.


Nachsatz:

Fünf Minuten später. Sitze im Auto und denke, ich habe das Falsche getan. Einen Baum gekauft, der diese Form hat, die ich doch sonst immer vermieden habe. Einen Baum, der komischerweise im Auto kaum den vorweihnachtlichen Tannenduft verströmt. Ich bekomme Panik, gehe im Kopf Aktionen auf Facebook durch, um diesen Baum zu verschenken. Sehe mich morgen auf einem anderen Markt einen anderen Baum kaufen. Und während ich denke, streicht meine Hand fast unmerklich über die Äste, die mir fast ins Lenkrad ragen. Auf dem Weg nach Hause. Ich glaube es ist doch mein Baum. Als er auf meinem Balkon in einem Eimer mit Wasser steht, schaue ich durch die beschlagene Scheibe und muss lächeln.



Freitag, 10. Mai 2019

Denn sie wissen nicht, was sie wollen

Es ist Wochenende. Ich habe frei, verbringe das Wochenende mit Freundinnen. Nach dem ein oder anderen Glas Wein reden wir darüber, was uns derzeit beschäftigt. Keine von uns scheint sich ihrer sicher zu sein. Unzufriedenheiten im Berufsleben, Veränderungswünsche im privaten Umfeld, neue Vorlieben.

Was uns alle vereint: jeder von uns ist in einer Phase, in der wir zweifeln. Langsam dahinterkommen, wer wir sind, was wir wollen – und was eben nicht. Ob Menschen anzuleiten, in einem Team zu arbeiten oder Rezepte zu ersinnen: Was wir vielleicht gut können – und möge es noch so simpel erscheinen - könnte es ein valider Weg sein? Ein Weg in die Zukunft, möglicherweise ein Beruf?

Wir alle haben Jobs, die wirklich gut sind, verdienen unser eigenes Geld, stehen auf eignen Beinen. Anfang / Mitte Dreißig, erfolgreich. Haben wir uns doch immer so vorgestellt. Oder nicht? Und da kommt er, der Zweifel. Ob da noch mehr ist. Nach dem Sinn unserer Arbeit.

Wollen wir das, was wir tun wirklich tun? Es ist spannend, verantwortungsvoll und manchmal mehr, manchmal weniger anstrengend. Aber erfüllt es uns? Ist es das, was wir wollen? WOLLEN?

Ein Gespräch mit meinem Chef zeigt mir, dass dies nichts Ungewöhnliches ist. Nach einem Scherz über Midlife-Krisen lerne ich, dass es in diesem Alter offensichtlich recht typisch sei, darüber nachzugrübeln, was wir eigentlich wollen.

In der Schule, ja schon in der Grundschule, gilt es früh, Bestleistungen zu erbringen. Die erste Stufe: die Gymnasialempfehlung erhalten. Haben wir das nicht erreicht, kommt früh das Gefühl auf, nicht genug zu sein, versagt zu haben. Völliger Blödsinn, denn im Grunde bin ich erst jetzt in der Lage manche Dinge, ob es Kunst oder Geschichte ist, die Aufmerksamkeit zu widmen, die es wert ist. Mit 17 war ich das nicht. Hat man die Hürde jedoch genommen, geht es mit eiligen Schritten dem Abitur entgegen. Latein oder Französisch – die Wahl hängt davon ab, was man mal studieren wolle, bekomme ich gesagt. Muss ich das wissen – in der 7. Klasse? Alles auf gute Noten setzen also. Sonst bekomme man nicht, was man will – wenn man denn wüsste, was das ist.

Nach einem Abitur mit einer 1 vor dem Komma, steht die Frage an, welches Studium denn nun in Angriff genommen werden solle. Ich entscheide mich für eine Mischung aus naivem Wunschdenken und dem, was mir am meisten Spaß gemacht hat. Oder worin ich gut war. Ganz genau vermag ich das nicht zu unterscheiden. Biologie. Irgendwas mit Tieren, nur ohne das Einschläfern sozusagen. Nach einem schnellen Ritt durch den ersten Bachelorjahrgang stehe ich flugs wieder auf der Straße und fühle mich wie nach der Schule, nur mit einem Studienabschluss in der Tasche. Yeah. Reif fürs Leben? Hm, nein. Weiß ich mehr über mich selbst? Kaum. Aber ich weiß, was ich nicht will und entscheide mich so für ein Studium der anderen Art, denn schreiben kann ich, mag ich und will ich – soviel stand fest. Journalismus. Eine Begeisterung. Als danach weder Job noch Selbstständigkeit von Geldsegen gekrönt ist und man ein Alter erreicht, wo man sich endlich auch mal was gönnen möchte oder soziale Verpflichtungen hat, gebe ich dem finanziellen Druck einer Festanstellung nach. Selbstfindung? Was für Esoteriker! Doch ich entdecke, dass ich Menschen überzeugen kann, mit ihnen arbeiten, etwas bewegen. Über 8 Jahre in einem Job, in dem ich irgendwann merke, dass etwas bewegen wollen auch Grenzen hat. Ich über den Tellerrand schauen muss und mal etwas bewegen muss – nämlich mich selbst. Der nächste Job zeigt, dass ich noch viel zu lernen habe, das kann Spaß machen und bringt mich weiter. Das Rad läuft wieder schneller, ebenso scheint es die Zeit zu tun.

Nach so einem Lebenslauf, oder irgend einem Ähnlichen, führt irgendwann genau dieses Lernen dazu, dass wir uns selbst kennen lernen. Ja, erklärtes Ziel (und von manchen auch Mitte 50 unerreicht) und dennoch führt es unweigerlich zu der Frage nach dem Sinn.

Dem Sinn unseres Selbst, unserer Arbeit, unseres Schaffens. Was möchten wir hinterlassen? Wo möchten wir noch hin? Wir glauben nicht, dass es morgen zu Ende wäre, aber müssten wir nicht heute anfangen mit dem, was wir eigentlich mal erreicht haben wollen? Wird es jetzt ernst?

Am Anfang wissen wir nicht, was wir wollen. Das ist natürlich und auch gut so. Wir müssen das erst herausfinden. Doch nach Studium und zwei, drei Jobs gerät diese Frage zunehmend in Vergessenheit. Wir bauen unseren Lebenslauf aufeinander auf, Möglichkeiten kommen und scheinen sich zu ergänzen, wir verfolgen eine Bahn, deren Gleise sich ergeben haben. Doch wo führt uns das hin? Und ist es das, wo wir wirklich hinsteuern wollen? Wenn nicht - was ist es dann?

Und plötzlich ist es gar nicht so leicht. Wir haben Dinge, die wir gut können, für die wir Anerkennung bekommen, die uns guttut. Doch ist es auch das, worin unsere Leidenschaft besteht? Kann man das immer so gut auseinanderhalten? Wissen wir überhaupt, worin diese Leidenschaft besteht, oder wurde sie uns viel zu früh für unerreichbar, absurd, nicht machbar erklärt oder haben wir sie uns selbst gar ausgeredet? Haben wir sie längst gefunden und trauen sie uns selbst nicht zu?

Ich weiß es nicht, aber ich glaube wir jungen Menschen um die Dreißig – uns vereint das Gefühl der Unklarheit, wo wir von uns selbst eigentlich Klarheit erwarten. Und wir sollten darüber reden. Sollten uns austauschen und das Gefühl der Unsicherheit zulassen. Denn oft sehen uns andere Menschen viel klarer, sehen, wer wir eigentlich sind. Und wann der Moment kommt, im dem uns die Leidenschaft einnimmt und wir mitten in einem Film die Stopptaste drücken und diesen Artikel schreiben. Das, ja das ist dann wohl wirklich unsere Leidenschaft. Die Vision, über die wir uns viele Nächte lang den Kopf zerbrochen haben. Wir müssen sie nur zulassen. Wenn wir auf unseren Bauch hören und den Kopf mal abschalten. Ein kurzer Moment. Manche mögen ihn Inspiration nennen.

Montag, 1. April 2019

I did it my way.

"Mutig!" Das höre ich von vielen, denen ich in letzter Zeit von meiner Reise berichtet habe. Mutig, allein in ein asiatisches Land zu fahren. Dort dem Straßenverkehr zu trotzen. In den Dschungel zu laufen. Ich zucke nur mit den Schultern und fühle mich eigentlich gar nicht so, als hätte ich etwas Besonderes geleistet. I just did it my way.

"I've had it all" singt Harald Juhnke und ich denke oft daran zurück, seit ich hier bin. Ich hatte sie. Die Leichtigkeit des Seins. Das Vertrauen in die Menschen. Die Abwesenheit von Hektik trotz all dem, was ich auf meiner Reise gesehen und gemacht, ja gemeistert habe.

Das Internet ist voll von Artikeln, die der Frage nachgehen, wie schwer es ist, allein zu verreisen. Ist es nicht. Doch warum schreibt niemand, ja warnt einen niemand davor, dass es das Schwierigste ist, sich all das nach der Reise zu erhalten?

Ich verschlinge jede Doku über Thailand, um dieses Gefühl wach zu halten - ihm Futter zu geben. Doch abends um halb acht nach einem langen Arbeitstag, während man im Nieselregen auf die Bahn wartet, plant der Kopf schon wieder wie eh und je. Was kaufe ich zum Essen ein, wann kommt die Freundin rum, zum Sport müsste ich gehen, mist, Wäsche vergessen, und oh, ich muss das Meeting noch vorbereiten. Ich bin überzeugt, all dies könnte auch mit der Lockerheit der Planung auf meiner Reise passieren, doch der Kopf malmt in alten Mahlwerken. Viel zu schnell wieder in alte Fahrwasser geglitten ohne es so richtig zu merken. Dazwischen kurze Szenen der Reise. Wie Blitze, die das Organisationskarussell kurzzeitig unterbrechen. Doch darin verweilen gelingt nicht, zu groß ist die bunte Masse des Alltags.

Mutig? Ich weiß es nicht. Meine Anerkennung gilt dem, der es nach der Reise schafft, das Gefühl, die Änderungen an der eigenen Person und ein wenig diese unendliche Leichtigkeit aufrecht zu erhalten.