Ich bin es leid. Ich bin es leid, mich entscheiden zu müssen, ob ich meine Freunde sehe oder meine Familie gefährde. Ich bin es leid, einen Blumentopf zu kaufen und als Großereignis in mein Wohnzimmer zu stellen, nur damit Farbe in mein Leben kommt. Ich bin es leid, bei jedem Ton meines Handys zu überlegen, ob es nun eine gute Idee ist. Oder zu gefährlich. Oder zu einsam. Kein Kino, keine Bar. Ich bin es leid. Der Spaziergang im Kiez ist trist geworden. Hundehaufen, vertrocknete Weihnachtsbäume, eine Maske in der Pfütze.
Von außen betrachtet sieht es eigentlich ganz schön aus. Von innen betrachtet angenagt durch Gedankenschleifen. Ich hab es doch gut. Guter Job, Arbeit zuhause, schöne Wohnung. Sonntags leckere Ente aus dem Ofen. Mit einer Prise Schuld, dass dennoch etwas fehlt, obwohl alles da ist. Müsste ich nicht fröhlich aus dem Bett hüpfen, die Zeit genießen. Mein Italienisch am Leben erhalten, das Aquarell zuende malen, das neue Buch lesen. Was draus machen, wie man so schön sagt? Das tun, was ich beklagt hätte, nicht geschafft zu haben, wäre ich im Kino gewesen?
Ich bin es leid, die Zeit zu haben, zu beklagen, dass ich die Zeit nicht nutze. Es wiegt schwer. Die Verantwortung für die Gesundheit anderer. Die fehlende Wahlfreiheit. Das mühsame Aufrechterhalten des Glücks. Ich bin es leid.
Posts mit dem Label Berlin werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Berlin werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Samstag, 22. Januar 2022
Freitag, 2. April 2021
Corona-Fatique: Über das Meditieren mit Autos.
Ich vermisse Menschen. Zumindest glaube ich das. Zwar lebe ich in einer Millionenstadt und eine Autofahrt durch Wedding lässt Corona beinahe als fiktive Netflix-Parallelwelt erscheinen. Ein Krankenwagen, ein zweiter, ich mache Platz. Polizeiaufgebot vor einem Hochhaus, beim Vorbeifahren sehe ich einen Mann in Handschellen, umringt von gelassenen Berliner Polizeibeamten. Und doch: Gestresste Langeweile. Panische Traurigkeit. Null-Bock-Melancholie. Einträge aus meinem Kalender der letzten Monate. Der Versuch, die aktuelle Stimmung zu beschreiben, die einer Achterbahn aus rohen Eiern gleicht. Laune? Divers.
Ich weiß jetzt, dass ich damit vermutlich nicht alleine bin. So zeigen es zumindest Instagram-Posts, Artikel und Medienberichte der letzten Wochen. Und dennoch fühlt es sich so an, als würde etwas mit mir nicht stimmen. Ich habe sogar Urlaub, die Sonne scheint, geh doch raus! Nachdem ich dreimal ansetze, schaffe ich es auch. Dabei bin ich dennoch irgendwie müde. Bleiern. Es gibt die inzwischen vielbeschriebene Zoom-Fatique - vielleicht trifft das auch gut den Kern dieses Corona-Gefühls.
Dabei hatte das Jahr gut begonnen. Soweit man das sagen kann, in einer weltweiten Pandemie-Situation, die alle an ihre Grenzen bringt. Körperlich, emotional und seelisch. Und das ist eben nicht das Gleiche. Aber ich hatte mir einen Plan gemacht. Ich wollte meditieren lernen. Und ich habe auch damit angefangen. Nach wenigen Wochen höre ich, wie Menschen in meinem Umfeld mir das sogar in Videokonferenzen anmerken. Innere Euphorie. Doch ein stressbedingter Tinnitus flüstert mir wenige Wochen später das Gegenteil ins Ohr. Also gut: mehr Bewegung muss her. Sport-Daily um 9, Spaziergang mit Achtsamkeits-Podcast auf den Ohren um 12 und Meditation um 19 Uhr. Sagt mein Kalender. Schokolade und ein Glas Wein sagt die Realität. Gut, nun muss ich mich nicht schlecht machen, ich bewege mich wirklich mehr - meditiere allerdings weniger. Und dann kommen die Tage, an denen einfach alles diffus ist. Fühle mich zu schwer, um wirklich was zu reißen. Dabei drängen sich die Sachen, die ich doch eigentlich so gern machen wollte. Jetzt, wo ich frei habe. Mehr Zeit. Keine Ausreden.
In der Meditationsanleitung hieß es, man solle die Gedanken kommen lassen. Und auch gehen lassen: Stell dir vor, du sitzt an der Straße. Es fahren Autos vorbei. Doch statt auf jedes Auto zu zu rennen und zu versuchen, den Verkehr zu regeln, setze dich einfach an den Rand und schaue nur zu. Lass sie vorbeifahren. Sie sind gerade nicht wichtig. Die Vorstellung beruhigt mich und ich habe dazu ein klares Bild im Kopf. Und doch fühlt es sich manchmal so an, als säße man mitten auf dieser Straße. Laut, unaufhörlich, irgendwie überfahren.
In meinem Kalender blättere ich zurück an die guten Tage. Spaziergang, Videokonferenz, Überraschungsbesuch vor der Tür. Ich weiß nicht, ob es einfach eine Art Corona-Laune ist, für die sie später noch ein tolles Wort erfinden werden, was dann feierlich in den Duden aufgenommen wird, wenn wir uns kopfschüttelnd zurückerinnern, wie diese Pandemie-Zeiten waren. Wir werden lächeln, ja vielleicht uns selbst belächeln, weil wir schon gar nicht mehr verstehen können, warum es uns so – nicht schlecht, nicht gut – aber irgendwie komisch ging. Diffus. Zu finden unter Ahumanopenie, Mangelerscheinung.
Ich weiß jetzt, dass ich damit vermutlich nicht alleine bin. So zeigen es zumindest Instagram-Posts, Artikel und Medienberichte der letzten Wochen. Und dennoch fühlt es sich so an, als würde etwas mit mir nicht stimmen. Ich habe sogar Urlaub, die Sonne scheint, geh doch raus! Nachdem ich dreimal ansetze, schaffe ich es auch. Dabei bin ich dennoch irgendwie müde. Bleiern. Es gibt die inzwischen vielbeschriebene Zoom-Fatique - vielleicht trifft das auch gut den Kern dieses Corona-Gefühls.
Dabei hatte das Jahr gut begonnen. Soweit man das sagen kann, in einer weltweiten Pandemie-Situation, die alle an ihre Grenzen bringt. Körperlich, emotional und seelisch. Und das ist eben nicht das Gleiche. Aber ich hatte mir einen Plan gemacht. Ich wollte meditieren lernen. Und ich habe auch damit angefangen. Nach wenigen Wochen höre ich, wie Menschen in meinem Umfeld mir das sogar in Videokonferenzen anmerken. Innere Euphorie. Doch ein stressbedingter Tinnitus flüstert mir wenige Wochen später das Gegenteil ins Ohr. Also gut: mehr Bewegung muss her. Sport-Daily um 9, Spaziergang mit Achtsamkeits-Podcast auf den Ohren um 12 und Meditation um 19 Uhr. Sagt mein Kalender. Schokolade und ein Glas Wein sagt die Realität. Gut, nun muss ich mich nicht schlecht machen, ich bewege mich wirklich mehr - meditiere allerdings weniger. Und dann kommen die Tage, an denen einfach alles diffus ist. Fühle mich zu schwer, um wirklich was zu reißen. Dabei drängen sich die Sachen, die ich doch eigentlich so gern machen wollte. Jetzt, wo ich frei habe. Mehr Zeit. Keine Ausreden.
In der Meditationsanleitung hieß es, man solle die Gedanken kommen lassen. Und auch gehen lassen: Stell dir vor, du sitzt an der Straße. Es fahren Autos vorbei. Doch statt auf jedes Auto zu zu rennen und zu versuchen, den Verkehr zu regeln, setze dich einfach an den Rand und schaue nur zu. Lass sie vorbeifahren. Sie sind gerade nicht wichtig. Die Vorstellung beruhigt mich und ich habe dazu ein klares Bild im Kopf. Und doch fühlt es sich manchmal so an, als säße man mitten auf dieser Straße. Laut, unaufhörlich, irgendwie überfahren.
In meinem Kalender blättere ich zurück an die guten Tage. Spaziergang, Videokonferenz, Überraschungsbesuch vor der Tür. Ich weiß nicht, ob es einfach eine Art Corona-Laune ist, für die sie später noch ein tolles Wort erfinden werden, was dann feierlich in den Duden aufgenommen wird, wenn wir uns kopfschüttelnd zurückerinnern, wie diese Pandemie-Zeiten waren. Wir werden lächeln, ja vielleicht uns selbst belächeln, weil wir schon gar nicht mehr verstehen können, warum es uns so – nicht schlecht, nicht gut – aber irgendwie komisch ging. Diffus. Zu finden unter Ahumanopenie, Mangelerscheinung.
Sonntag, 6. Dezember 2020
Weihnachten 2020
Und plötzlich brennt wieder die zweite Kerze. Wir schauen die gleichen Filme wie im letzten Jahr, backen das gleiche Plätzchen-Rezept und überlegen wieder, was wir Tante Ursula nun schenken. Und dazwischen? Ein Jahr rum. Fühle mich genauso allein wie vor einem Jahr. Wo ist es hin, dieses Jahr? Feiertage und Trubel; dann ein Virus, der um die Welt geht. Das Zuhause wird mehr Mittelpunkt, als wir es uns jemals hätten vorstellen können. Freizeitstress heißt jetzt, sich selbst zu isolieren um die Lieben sehen zu können. Und manch einer wird darauf sogar zu Weihnachten verzichten.
Was aber hatte ich mir vorgestellt? Wie hätte das Jahr denn sonst ausgesehen? Wilde Partys in einer Sommernacht am Kanalufer? Endlose Abende auf dem Balkon mit Freunden? Vielleicht ein Date? Das kleine Herzsymbol in der Ecke meines Displays bedeutet inzwischen nur sinnloses Wischen ohne echte Möglichkeit. Einfach nur ein verlorenes Jahr? Versackt ohne die Möglichkeiten zu nutzen, die es gegeben hätte? Eine Sprache lernen, Sport machen, sich selbst finden? Alles wieder eine Möglichkeit für die nächsten guten Vorsätze. Und ebenso nichtig.
Was aber hatte ich mir vorgestellt? Wie hätte das Jahr denn sonst ausgesehen? Wilde Partys in einer Sommernacht am Kanalufer? Endlose Abende auf dem Balkon mit Freunden? Vielleicht ein Date? Das kleine Herzsymbol in der Ecke meines Displays bedeutet inzwischen nur sinnloses Wischen ohne echte Möglichkeit. Einfach nur ein verlorenes Jahr? Versackt ohne die Möglichkeiten zu nutzen, die es gegeben hätte? Eine Sprache lernen, Sport machen, sich selbst finden? Alles wieder eine Möglichkeit für die nächsten guten Vorsätze. Und ebenso nichtig.
Freitag, 27. März 2020
Mit Jogginghose in der digitalen Warteschlange
Ein Erfahrungsbericht nach zwei Wochen Homeoffice
Zugegeben, ich bin ein Fan vom Homeoffice. Arbeit und Privates vermischt sich in meinem Kopf sowieso, warum nicht auch der Ort des Geschehens? Ich lebe alleine, weder störe ich also jemanden, noch habe ich die chaotischen Aufgaben des Homeschoolings von zwei Kindern zu bewältigen. Corona zwang mich nun, dies nicht nur ein oder zwei Tage zu tun, um einen kreativen Fokus zu bekommen, sondern den Alltag genau so zu gestalten. Probleme oder gar Angst machte mir das zunächst einmal nicht. Und dennoch ist seit zwei Wochen gefühlt Alles ein klein wenig anders.
Ich sitze auf dem Balkon in der Mittagssonne. Ein Stück die Straße hinunter übt jemand Opernarien und vom Balkon nebenan starrt mich die Nachbarskatze an. Das Telefon klingelt. Mein Esstisch ist nun mein Schreibtisch geworden. Fast jeden Tag sitze ich hier zwischen zwei und sechs Stunden vor der Kamera. Videocalls (zu denen mein lieber Kollege Daniel hier wertvolle Best Practices liefert!) ersetzen das Sitzen in Meetingräumen. Und wie ich bemerke, ist das durchaus nicht weniger produktiv. Im Gegenteil. Ein kurzer Zoff verpufft schneller auf dem heimischen Balkon. Kochen in der Mittagspause sortiert die eignen Gedanken. Das Feierabendbier mit den Kolleg*innen schmeckt auch virtuell.Gemeinsam weniger allein.
Natürlich ist die Corona-Krise auch geprägt von wirtschaftlichen Ängsten. Künstler, Kleinunternehmerinnen, gastronomische und kulturelle Betriebe stehen teils vor dem Ruin. Für die Beantragung von Soforthilfen der Bundesregierung ist die Seite der ibb zunächst zusammengebrochen. Als die Infrastruktur wieder steht, muss man sich zur Antragsstellung Zeit nehmen. Die Nachricht: „Es befinden sich 35.739 Teilnehmer vor Ihnen in der virtuellen Warteschlange.“ Nun ist also auch das Warten virtuell geworden. Und dennoch genauso nervig wie analog. Um mich herum sehe ich derzeit aber auch viel Kreativität! Gastronomen, die ihre Vorräte für den guten Zweck kochen, eine Pastorin, die auf Instagram aus der Bibel liest, Pizzaläden, die Teig to go anbieten. Vielleicht ist das ein Schritt in die richtige Richtung, ein Weiterdenken. Verursacht und ermöglicht durch einen Virus. Umgesetzt von vielen einzelnen Wohnzimmern aus.
Aber Einsamkeit? Eher nicht. Ich lerne die Wohnzimmer-Einrichtungen meiner Kolleginnen und Kollegen kennen und schwatze mit ihnen auch mal über Kinder und Kochvorhaben zu Zeiten des Kontaktverbotes. Fast jeden Abend telefoniere ich mit verschiedenen Freunden und der Familie. Viel Neues gibt es bei kaum jemandem, aber wir tauschen uns aus. Auch über’s Homeoffice. Und wie ich dabei erfahre, ist das Gefühl des nach-Hause-Kommens durchaus ein Unterschätztes. Ich empfehle diesem Freund ein reelles Feierabendbier und denke noch lange darüber nach, dass Homeoffice auch Schwierigkeiten bergen kann. Das Homeschooling-Board der Tochter einer Kollegin zeigt mir, wie viel da „nebenbei“ noch zu tun sein kann. Doch was ist „nebenbei“? Sind Kinder Nebensache? Ist der Job Nebensache? Beides unvereinbar?
Aufforderung zur Vereinbarkeit.
Eine andere Kollegin schreibt mir, dass sie sich zum Meeting in großer Runde wohl verspäte. Kochen für die Kids ist angesagt. Ich finde, niemand muss sich hier entscheiden müssen. Widersprüche sind manchmal nur eine stille Aufforderung zur Vereinbarkeit. Und Flexibilität im Kopf. Kurzerhand wird das OKR-Meeting mit zoom.us aufgenommen und den anderen Kolleg*innen zur Verfügung gestellt. Ein Slack-Channel für Fragen steht offen. Abends dann beim virtuellen Check out lassen wir alle die letzte Woche passieren. Irgendwie ist gar nichts so richtig schief gegangen?
Doch da ist die Sache mit dem Vertrauen. Ich habe in meinem Umfeld nämlich auch Personen, bei denen sich die Führungskraft sehr spät oder gar nicht dazu durchringen kann, in Zeiten der Pandemie Homeoffice für die Mitarbeiter*innen zu ermöglichen. Während ich schon seit vier Tagen in Jogginghose arbeitete, ist dieser Schritt in anderen Unternehmen offensichtlich ein nicht so leichter. Gründe reichen von Szenarien, in denen aufgrund standardmäßiger Festplatz-PCs erst einmal Laptops für die komplette Belegschaft geordert werden müssen, hin zu der Begründung des Chefs, dass er ja nicht überprüfen könne, dass alle daheim auch arbeiteten. Hier fehlt es ganz offensichtlich an einem Grundvertrauen. Führung (hier mein Artikel zum Thema Management vs. Leadership) wird auch heutzutage noch viel zu häufig als reine Kontrollaufgabe verstanden. Die Grundannahme aus jeder Retro scheint in Zeiten von Corona nichts von ihrer Relevanz eingebüßt zu haben, sondern ganz deutlich an die Oberfläche des beruflichen Alltags zu treten:
Egal was eine Person tut, gehen wir immer davon aus,
dass diese das nach bestem Wissen und Gewissen tut,
um etwas Positives zu bewirken.
dass diese das nach bestem Wissen und Gewissen tut,
um etwas Positives zu bewirken.
Flexibel oder strukturlos?
Wenn ich den Browser öffne: „10 Tipps gegen Langeweile zuhause“. Langeweile? Ich arbeite! Und zwar Vollzeit! Hinweise ploppen auf, wie Homeoffice gelingen kann. Viele Artikel, Videos und Hinweise empfehlen mir derzeit, mich anzuziehen wie sonst, jeden Tag zur selben Uhrzeit meinen (Arbeits-)tag zu starten, mir einen Plan zu machen. Ich komme ins Zweifeln. Mache ich da etwas falsch? Bedeutet Homeoffice für mich doch die Flexibilität, sich den Tag dem eignen Flow anzupassen.
Wenn also der Kopf raucht – warum ein schlechter Gewissen haben, bei einer Folge der spannenden neuesten Netflix-Serie? Um 30 Minuten später wieder den Kopf für den nächsten Task frei zu haben. Natürlich gilt es, Kundenanfragen zu beantworten, Meetingtermine einzuhalten, eben den Job zu machen. Aber am Vormittag keine Videocalls, keine Meetings? Was spricht gegen die Jogginghose? Für viele Kreative, Berater und Coaches ist Gemütlichkeit auch eine geistige Einstellung, vielleicht sogar Hilfestellung. Natürlichkeit, Einfühlungsvermögen und Freiheit im Kopf helfen uns, für unsere Kunden da zu sein, Lösungen zu finden, weiterzudenken.
Nicht mehr Regeln als nötig.
Wer Struktur braucht, kann sich natürlich weiterhin seinen Tag planen, auch ich mache das hin und wieder. Pläne – nicht nur im agilen Alltag – funktionieren zwar meist nicht, aber eine mit Bedacht gefüllte Input Queue auf meinem digitalen Kanban-Board kann ja nicht schaden. Auch gibt es ein paar zeitliche und digital-soziale Regeln, wie das virtuelle Daily im Slack-Channel der Teams. Doch neue Strukturen zu schaffen, nur der Struktur wegen, halte ich nicht für hilfreich. Denn im Homeoffice geht es nicht darum, plötzlich die eigene Arbeit schleifen zu lassen und dafür händeringend Strukturen schaffen zu müssen, sondern sich die Freiheit nehmen zu können, die der eigenen Arbeit zu Gute kommt. Und die kann für Jeden etwas Anderes bedeuten. Das kann ein ausgedehnter Mittagsspaziergang mit den Kindern sein oder ein Home-Workout zwischen zwei Meetings, um den Kopf frei zu bekommen. Oder eben die Jogginghose.
Im Videochat mit Freunden machte gestern jemand den Scherz: „Naja, eigentlich kann es für dich ja dann immer so weitergehen!“ Ich habe kurz überlegt. Öfter wieder Freunde und Kollegen sehen fände ich nach Corona schon schön. Aber Homeoffice nicht zur Ausnahme zu machen auch. Eine neue Ausgewogenheit wäre für die Situation nach der Pandemie vielleicht wirklich hilfreich? Wir können hier sehen, was Corona also auch bietet: Eine Chance, Arbeit neu zu denken. Und wer weiß, vielleicht wird aus #NewWork auch #NewLife?
Dieser Artikel erschien auch im Blog der Leanovate GmbH:
https://www.leanovate.de/mit-jogginghose-in-der-digitalen-warteschlange/
Montag, 27. Januar 2020
Ein Jahr danach: Vom Reisen.
Heute vor einem Jahr bin ich aufgebrochen. Vielen Dank an Facebook für die Erinnerung daran. Vor einem Jahr also. Auf nach Thailand. Auf jeden Fall auf eine Reise. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich im Flughafen sitze, in die regenverhangenen Wolken Berlins schaue und auf's Boarding warte. Aufgeregt? Ja. Aber irgendwie auch die Ruhe selbst. Heute weiß ich, was in-sich-selbst-ruhen bedeutet. Oder habe zumindest hin und wieder eine kleine Ahnung davon.
"Die eigentlichen Entdeckungsreisen bestehen nicht im Kennenlernen neuer Landstriche, sondern darin, etwas mit anderen Augen zu sehen."
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Marcel Proust)
Sonntag, 22. Dezember 2019
Der Weihnachtsbaumkauf
Ich hatte es romantischer in Erinnerung. Als ich auf den Parkplatz vor dem Lidl einbiege und mich unsicher umschaue, ob ich hier auch zum Besuch des Tannenparadieses richtig bin, zweifle ich noch ein wenig. Als ich hier vor ein paar Wochen vorbeigefahren und durch den Zaun die wunderschönen Bäume bewundert habe, hatte ich es mir so schön vorgestellt: Ich werde hier hingehen. Drei Tage vor Heiligabend werde ich hier einen Baum aussuchen. Alleine. Und stolz, dies zu tun. Das Jahr war nicht immer einfach – doch warum sollte ich mich selbst mit der Abwesenheit eines Weihnachtsbaumes bestrafen? Das bin nicht ich. So stand fest, ich werde auch alleine einen Baum haben. Wie in jedem Jahr. Fast the same procedure. Und doch so anders.
Etwas zögernd betrete ich den Baummarkt. Ein paar Jungs und eine burschikose mittelalte Dame blödeln laut herum. Das Verkaufspersonal also. Sie nehmen kaum Notiz von mir. Und ich bin ihnen in diesem Moment sehr dankbar.
Ich schlendere herum. Will mir alles einmal ansehen, keinen Baum verpassen. Ich bin da sehr akribisch. Nach den ersten drei Bäumen fällt mir ein an den metallenen Bauzaun gelehnter Baum auf. Etwas lieblos steht er da in die Ecke gestellt. Ich richte ihn auf. Finde ihn sofort sehr schön. Aus dem Bauch heraus. Da ich ja trotz aller Romantik eines Weihnachtsbaumkaufes die eben erwähnte Genauigkeit nicht abstellen kann, sehe ich mir alle anderen ebenso an. Es stellt sich keinerlei Gefühl ein. Sehe, dass mein Baum heruntergesetzt ist. Nenne ihn in Gedanken schon „mein Baum“…
Nach drei Runden um den Platz – immer verbunden mit einem Blick, ob „mein Baum“ noch da ist – sehe ich einen anderen. Gelehnt an einen Sägebock ist er nahezu perfekt. Ich sehe ihn mir an und drehe ihn. Gerade gebaut, schöne Spitze, perfekte Abstände. Mein Bauch? Sagt nichts. Ich versuche herauszufinden, warum. Wieder sehe ich herüber, ob der andere noch dasteht. Im Vergleich dazu hat er nämlich durchaus seine Macken. Etwas lange Spitze, einen größeren Abstand zu den darunterliegenden Etagen, etwas angetrockneter Matsch an ein paar Ästen. Und dieser hier? Mir dämmert es. Er erinnert mich einfach zu sehr an alle vorhergehenden Bäume. Und damit bekomme ich das Gefühl, er würde mir nun, in meinem neuen Wohnzimmer, eine Welt vorspielen, die es nun nicht mehr gibt. Vielleicht zu perfekt.
Ich gehe rüber und schau mir meine erste Wahl noch einmal an. Objektiv gesehen, hat er ein paar Knackse. Aber subjektiv – ist es genau, wie es sein muss: Ein gutes Gefühl und äußerlich ein paar Macken. Ich nehme ihn. Ich finde, er passt zu mir. Gerade jetzt.
Fünf Minuten später. Sitze im Auto und denke, ich habe das Falsche getan. Einen Baum gekauft, der diese Form hat, die ich doch sonst immer vermieden habe. Einen Baum, der komischerweise im Auto kaum den vorweihnachtlichen Tannenduft verströmt. Ich bekomme Panik, gehe im Kopf Aktionen auf Facebook durch, um diesen Baum zu verschenken. Sehe mich morgen auf einem anderen Markt einen anderen Baum kaufen. Und während ich denke, streicht meine Hand fast unmerklich über die Äste, die mir fast ins Lenkrad ragen. Auf dem Weg nach Hause. Ich glaube es ist doch mein Baum. Als er auf meinem Balkon in einem Eimer mit Wasser steht, schaue ich durch die beschlagene Scheibe und muss lächeln.
Etwas zögernd betrete ich den Baummarkt. Ein paar Jungs und eine burschikose mittelalte Dame blödeln laut herum. Das Verkaufspersonal also. Sie nehmen kaum Notiz von mir. Und ich bin ihnen in diesem Moment sehr dankbar.
Ich schlendere herum. Will mir alles einmal ansehen, keinen Baum verpassen. Ich bin da sehr akribisch. Nach den ersten drei Bäumen fällt mir ein an den metallenen Bauzaun gelehnter Baum auf. Etwas lieblos steht er da in die Ecke gestellt. Ich richte ihn auf. Finde ihn sofort sehr schön. Aus dem Bauch heraus. Da ich ja trotz aller Romantik eines Weihnachtsbaumkaufes die eben erwähnte Genauigkeit nicht abstellen kann, sehe ich mir alle anderen ebenso an. Es stellt sich keinerlei Gefühl ein. Sehe, dass mein Baum heruntergesetzt ist. Nenne ihn in Gedanken schon „mein Baum“…
Nach drei Runden um den Platz – immer verbunden mit einem Blick, ob „mein Baum“ noch da ist – sehe ich einen anderen. Gelehnt an einen Sägebock ist er nahezu perfekt. Ich sehe ihn mir an und drehe ihn. Gerade gebaut, schöne Spitze, perfekte Abstände. Mein Bauch? Sagt nichts. Ich versuche herauszufinden, warum. Wieder sehe ich herüber, ob der andere noch dasteht. Im Vergleich dazu hat er nämlich durchaus seine Macken. Etwas lange Spitze, einen größeren Abstand zu den darunterliegenden Etagen, etwas angetrockneter Matsch an ein paar Ästen. Und dieser hier? Mir dämmert es. Er erinnert mich einfach zu sehr an alle vorhergehenden Bäume. Und damit bekomme ich das Gefühl, er würde mir nun, in meinem neuen Wohnzimmer, eine Welt vorspielen, die es nun nicht mehr gibt. Vielleicht zu perfekt.
Ich gehe rüber und schau mir meine erste Wahl noch einmal an. Objektiv gesehen, hat er ein paar Knackse. Aber subjektiv – ist es genau, wie es sein muss: Ein gutes Gefühl und äußerlich ein paar Macken. Ich nehme ihn. Ich finde, er passt zu mir. Gerade jetzt.
Nachsatz:
Fünf Minuten später. Sitze im Auto und denke, ich habe das Falsche getan. Einen Baum gekauft, der diese Form hat, die ich doch sonst immer vermieden habe. Einen Baum, der komischerweise im Auto kaum den vorweihnachtlichen Tannenduft verströmt. Ich bekomme Panik, gehe im Kopf Aktionen auf Facebook durch, um diesen Baum zu verschenken. Sehe mich morgen auf einem anderen Markt einen anderen Baum kaufen. Und während ich denke, streicht meine Hand fast unmerklich über die Äste, die mir fast ins Lenkrad ragen. Auf dem Weg nach Hause. Ich glaube es ist doch mein Baum. Als er auf meinem Balkon in einem Eimer mit Wasser steht, schaue ich durch die beschlagene Scheibe und muss lächeln.
Montag, 1. April 2019
I did it my way.
"Mutig!" Das höre ich von vielen, denen ich in letzter Zeit von meiner Reise berichtet habe. Mutig, allein in ein asiatisches Land zu fahren. Dort dem Straßenverkehr zu trotzen. In den Dschungel zu laufen. Ich zucke nur mit den Schultern und fühle mich eigentlich gar nicht so, als hätte ich etwas Besonderes geleistet. I just did it my way.
"I've had it all" singt Harald Juhnke und ich denke oft daran zurück, seit ich hier bin. Ich hatte sie. Die Leichtigkeit des Seins. Das Vertrauen in die Menschen. Die Abwesenheit von Hektik trotz all dem, was ich auf meiner Reise gesehen und gemacht, ja gemeistert habe.
Das Internet ist voll von Artikeln, die der Frage nachgehen, wie schwer es ist, allein zu verreisen. Ist es nicht. Doch warum schreibt niemand, ja warnt einen niemand davor, dass es das Schwierigste ist, sich all das nach der Reise zu erhalten?
Ich verschlinge jede Doku über Thailand, um dieses Gefühl wach zu halten - ihm Futter zu geben. Doch abends um halb acht nach einem langen Arbeitstag, während man im Nieselregen auf die Bahn wartet, plant der Kopf schon wieder wie eh und je. Was kaufe ich zum Essen ein, wann kommt die Freundin rum, zum Sport müsste ich gehen, mist, Wäsche vergessen, und oh, ich muss das Meeting noch vorbereiten. Ich bin überzeugt, all dies könnte auch mit der Lockerheit der Planung auf meiner Reise passieren, doch der Kopf malmt in alten Mahlwerken. Viel zu schnell wieder in alte Fahrwasser geglitten ohne es so richtig zu merken. Dazwischen kurze Szenen der Reise. Wie Blitze, die das Organisationskarussell kurzzeitig unterbrechen. Doch darin verweilen gelingt nicht, zu groß ist die bunte Masse des Alltags.
Mutig? Ich weiß es nicht. Meine Anerkennung gilt dem, der es nach der Reise schafft, das Gefühl, die Änderungen an der eigenen Person und ein wenig diese unendliche Leichtigkeit aufrecht zu erhalten.
"I've had it all" singt Harald Juhnke und ich denke oft daran zurück, seit ich hier bin. Ich hatte sie. Die Leichtigkeit des Seins. Das Vertrauen in die Menschen. Die Abwesenheit von Hektik trotz all dem, was ich auf meiner Reise gesehen und gemacht, ja gemeistert habe.
Das Internet ist voll von Artikeln, die der Frage nachgehen, wie schwer es ist, allein zu verreisen. Ist es nicht. Doch warum schreibt niemand, ja warnt einen niemand davor, dass es das Schwierigste ist, sich all das nach der Reise zu erhalten?
Ich verschlinge jede Doku über Thailand, um dieses Gefühl wach zu halten - ihm Futter zu geben. Doch abends um halb acht nach einem langen Arbeitstag, während man im Nieselregen auf die Bahn wartet, plant der Kopf schon wieder wie eh und je. Was kaufe ich zum Essen ein, wann kommt die Freundin rum, zum Sport müsste ich gehen, mist, Wäsche vergessen, und oh, ich muss das Meeting noch vorbereiten. Ich bin überzeugt, all dies könnte auch mit der Lockerheit der Planung auf meiner Reise passieren, doch der Kopf malmt in alten Mahlwerken. Viel zu schnell wieder in alte Fahrwasser geglitten ohne es so richtig zu merken. Dazwischen kurze Szenen der Reise. Wie Blitze, die das Organisationskarussell kurzzeitig unterbrechen. Doch darin verweilen gelingt nicht, zu groß ist die bunte Masse des Alltags.
Mutig? Ich weiß es nicht. Meine Anerkennung gilt dem, der es nach der Reise schafft, das Gefühl, die Änderungen an der eigenen Person und ein wenig diese unendliche Leichtigkeit aufrecht zu erhalten.
Abonnieren
Kommentare (Atom)
-
„Gott, was sagst du den Menschen, bevor sie auf die Erde gehen?“ „Meist fragen sie mich, was denn ihre Aufgabe ist, der Sinn dieses Lebens, ...
-
Ich vermisse Menschen. Zumindest glaube ich das. Zwar lebe ich in einer Millionenstadt und eine Autofahrt durch Wedding lässt Corona beinahe...
-
Und neulich am Telefon sprachen wir über den Krieg. Zwei Freundinnen, Mitte Dreißig, Single, eigene Wohnung, guter Job. Ich dachte nicht, da...

