Freitag, 27. März 2020

Mit Jogginghose in der digitalen Warteschlange

Ein Erfahrungsbericht nach zwei Wochen Homeoffice


Zugegeben, ich bin ein Fan vom Homeoffice. Arbeit und Privates vermischt sich in meinem Kopf sowieso, warum nicht auch der Ort des Geschehens? Ich lebe alleine, weder störe ich also jemanden, noch habe ich die chaotischen Aufgaben des Homeschoolings von zwei Kindern zu bewältigen. Corona zwang mich nun, dies nicht nur ein oder zwei Tage zu tun, um einen kreativen Fokus zu bekommen, sondern den Alltag genau so zu gestalten. Probleme oder gar Angst machte mir das zunächst einmal nicht. Und dennoch ist seit zwei Wochen gefühlt Alles ein klein wenig anders. 

Ich sitze auf dem Balkon in der Mittagssonne. Ein Stück die Straße hinunter übt jemand Opernarien und vom Balkon nebenan starrt mich die Nachbarskatze an. Das Telefon klingelt. Mein Esstisch ist nun mein Schreibtisch geworden. Fast jeden Tag sitze ich hier zwischen zwei und sechs Stunden vor der Kamera. Videocalls (zu denen mein lieber Kollege Daniel hier wertvolle Best Practices liefert!) ersetzen das Sitzen in Meetingräumen. Und wie ich bemerke, ist das durchaus nicht weniger produktiv. Im Gegenteil. Ein kurzer Zoff verpufft schneller auf dem heimischen Balkon. Kochen in der Mittagspause sortiert die eignen Gedanken. Das Feierabendbier mit den Kolleg*innen schmeckt auch virtuell.

Gemeinsam weniger allein.


Natürlich ist die Corona-Krise auch geprägt von wirtschaftlichen Ängsten. Künstler, Kleinunternehmerinnen, gastronomische und kulturelle Betriebe stehen teils vor dem Ruin. Für die Beantragung von Soforthilfen der Bundesregierung ist die Seite der ibb zunächst zusammengebrochen. Als die Infrastruktur wieder steht, muss man sich zur Antragsstellung Zeit nehmen. Die Nachricht: „Es befinden sich 35.739 Teilnehmer vor Ihnen in der virtuellen Warteschlange.“ Nun ist also auch das Warten virtuell geworden. Und dennoch genauso nervig wie analog. Um mich herum sehe ich derzeit aber auch viel Kreativität! Gastronomen, die ihre Vorräte für den guten Zweck kochen, eine Pastorin, die auf Instagram aus der Bibel liest, Pizzaläden, die Teig to go anbieten. Vielleicht ist das ein Schritt in die richtige Richtung, ein Weiterdenken. Verursacht und ermöglicht durch einen Virus. Umgesetzt von vielen einzelnen Wohnzimmern aus.

Aber Einsamkeit? Eher nicht. Ich lerne die Wohnzimmer-Einrichtungen meiner Kolleginnen und Kollegen kennen und schwatze mit ihnen auch mal über Kinder und Kochvorhaben zu Zeiten des Kontaktverbotes. Fast jeden Abend telefoniere ich mit verschiedenen Freunden und der Familie. Viel Neues gibt es bei kaum jemandem, aber wir tauschen uns aus. Auch über’s Homeoffice. Und wie ich dabei erfahre, ist das Gefühl des nach-Hause-Kommens durchaus ein Unterschätztes. Ich empfehle diesem Freund ein reelles Feierabendbier und denke noch lange darüber nach, dass Homeoffice auch Schwierigkeiten bergen kann. Das Homeschooling-Board der Tochter einer Kollegin zeigt mir, wie viel da „nebenbei“ noch zu tun sein kann. Doch was ist „nebenbei“? Sind Kinder Nebensache? Ist der Job Nebensache? Beides unvereinbar?

Aufforderung zur Vereinbarkeit.


Eine andere Kollegin schreibt mir, dass sie sich zum Meeting in großer Runde wohl verspäte. Kochen für die Kids ist angesagt. Ich finde, niemand muss sich hier entscheiden müssen. Widersprüche sind manchmal nur eine stille Aufforderung zur Vereinbarkeit. Und Flexibilität im Kopf. Kurzerhand wird das OKR-Meeting mit zoom.us aufgenommen und den anderen Kolleg*innen zur Verfügung gestellt. Ein Slack-Channel für Fragen steht offen. Abends dann beim virtuellen Check out lassen wir alle die letzte Woche passieren. Irgendwie ist gar nichts so richtig schief gegangen?

Doch da ist die Sache mit dem Vertrauen. Ich habe in meinem Umfeld nämlich auch Personen, bei denen sich die Führungskraft sehr spät oder gar nicht dazu durchringen kann, in Zeiten der Pandemie Homeoffice für die Mitarbeiter*innen zu ermöglichen. Während ich schon seit vier Tagen in Jogginghose arbeitete, ist dieser Schritt in anderen Unternehmen offensichtlich ein nicht so leichter. Gründe reichen von Szenarien, in denen aufgrund standardmäßiger Festplatz-PCs erst einmal Laptops für die komplette Belegschaft geordert werden müssen, hin zu der Begründung des Chefs, dass er ja nicht überprüfen könne, dass alle daheim auch arbeiteten. Hier fehlt es ganz offensichtlich an einem Grundvertrauen. Führung (hier mein Artikel zum Thema Management vs. Leadership) wird auch heutzutage noch viel zu häufig als reine Kontrollaufgabe verstanden. Die Grundannahme aus jeder Retro scheint in Zeiten von Corona nichts von ihrer Relevanz eingebüßt zu haben, sondern ganz deutlich an die Oberfläche des beruflichen Alltags zu treten:

Egal was eine Person tut, gehen wir immer davon aus, 
dass diese das nach bestem Wissen und Gewissen tut, 
um etwas Positives zu bewirken.

Und nur, weil mein Chef nicht neben mir auf dem Balkon sitzt, gibt diese Grundannahme die Sicherheit eines wirklichen HomeOFFICES. Studien zeigen, dass Leute zuhause eher mehr als weniger arbeiten. Und was ich dabei anhabe, geht Keinen etwas an. In der Sonne sitzen, ist kein Faulenzen. Abwaschen beim gemuteten Headset während eines Meetings? Warum nicht? Hauptsache das Ergebnis ist gut. Und hier können wir alle weiterhin an einem Strang ziehen, uns schnell per Telefon oder Videocall zusammenfinden, auf digitalen Whiteboards gemeinsam kreativ sein.

Flexibel oder strukturlos?


Wenn ich den Browser öffne: „10 Tipps gegen Langeweile zuhause“. Langeweile? Ich arbeite! Und zwar Vollzeit! Hinweise ploppen auf, wie Homeoffice gelingen kann. Viele Artikel, Videos und Hinweise empfehlen mir derzeit, mich anzuziehen wie sonst, jeden Tag zur selben Uhrzeit meinen (Arbeits-)tag zu starten, mir einen Plan zu machen. Ich komme ins Zweifeln. Mache ich da etwas falsch? Bedeutet Homeoffice für mich doch die Flexibilität, sich den Tag dem eignen Flow anzupassen.

Wenn also der Kopf raucht – warum ein schlechter Gewissen haben, bei einer Folge der spannenden neuesten Netflix-Serie? Um 30 Minuten später wieder den Kopf für den nächsten Task frei zu haben. Natürlich gilt es, Kundenanfragen zu beantworten, Meetingtermine einzuhalten, eben den Job zu machen. Aber am Vormittag keine Videocalls, keine Meetings? Was spricht gegen die Jogginghose? Für viele Kreative, Berater und Coaches ist Gemütlichkeit auch eine geistige Einstellung, vielleicht sogar Hilfestellung. Natürlichkeit, Einfühlungsvermögen und Freiheit im Kopf helfen uns, für unsere Kunden da zu sein, Lösungen zu finden, weiterzudenken.

Nicht mehr Regeln als nötig.


Wer Struktur braucht, kann sich natürlich weiterhin seinen Tag planen, auch ich mache das hin und wieder. Pläne – nicht nur im agilen Alltag – funktionieren zwar meist nicht, aber eine mit Bedacht gefüllte Input Queue auf meinem digitalen Kanban-Board kann ja nicht schaden. Auch gibt es ein paar zeitliche und digital-soziale Regeln, wie das virtuelle Daily im Slack-Channel der Teams. Doch neue Strukturen zu schaffen, nur der Struktur wegen, halte ich nicht für hilfreich. Denn im Homeoffice geht es nicht darum, plötzlich die eigene Arbeit schleifen zu lassen und dafür händeringend Strukturen schaffen zu müssen, sondern sich die Freiheit nehmen zu können, die der eigenen Arbeit zu Gute kommt. Und die kann für Jeden etwas Anderes bedeuten. Das kann ein ausgedehnter Mittagsspaziergang mit den Kindern sein oder ein Home-Workout zwischen zwei Meetings, um den Kopf frei zu bekommen. Oder eben die Jogginghose.

Im Videochat mit Freunden machte gestern jemand den Scherz: „Naja, eigentlich kann es für dich ja dann immer so weitergehen!“ Ich habe kurz überlegt. Öfter wieder Freunde und Kollegen sehen fände ich nach Corona schon schön. Aber Homeoffice nicht zur Ausnahme zu machen auch. Eine neue Ausgewogenheit wäre für die Situation nach der Pandemie vielleicht wirklich hilfreich? Wir können hier sehen, was Corona also auch bietet: Eine Chance, Arbeit neu zu denken. Und wer weiß, vielleicht wird aus #NewWork auch #NewLife?

Dieser Artikel erschien auch im Blog der Leanovate GmbH: 
https://www.leanovate.de/mit-jogginghose-in-der-digitalen-warteschlange/ 

Montag, 27. Januar 2020

Ein Jahr danach: Vom Reisen.

Heute vor einem Jahr bin ich aufgebrochen. Vielen Dank an Facebook für die Erinnerung daran. Vor einem Jahr also. Auf nach Thailand. Auf jeden Fall auf eine Reise. Ich erinnere mich noch gut daran,  wie ich im Flughafen sitze, in die regenverhangenen Wolken Berlins schaue und auf's Boarding warte. Aufgeregt? Ja. Aber irgendwie auch die Ruhe selbst. Heute weiß ich, was in-sich-selbst-ruhen bedeutet. Oder habe zumindest hin und wieder eine kleine Ahnung davon. 

Muss man wirklich 8969 km weit fliegen, um eine Reise zu machen? Wahrscheinlich nicht. Und dennoch waren diese 8969 km nur der Startschuss für eine viel größere Reise. Der zu mir selbst. Heute, ein Jahr danach, wohne ich woanders und alleine, habe eine andere Rolle in meinem Job und meine mich ein kleines Stückchen besser zu kennen. Habe ich mehr Antworten? Eigentlich nicht, nein. Aber ich stelle mehr Fragen. Stelle sie in einem Kontext, der mir vorher nicht die Sicherheit gegeben hätte, sie zu stellen. Möglicherweise ist genau das die besagte Komfortzone. Aber es wird sich nicht die Umgebung verändern und diesen Kontext herstellen, sondern wir selbst sind es, die uns diesen Kontext schaffen. Wie? Da draußen muss sich gar nichts ändern - wir selbst sind es, die sich ändern können. Und damit ändert sich alles. Und schon seid ihr raus (aus der Komfortzone) und gleichzeitig mittendrin. Mitten auf der Reise, die sich Leben nennt. Der Flug nach Thailand? Wirkt nun wie der Nachhall der Startpistole im Nieselregen einer Großstadt im Januar.

"Die eigentlichen Entdeckungsreisen bestehen nicht im Kennenlernen neuer Landstriche, sondern darin, etwas mit anderen Augen zu sehen."
 Auf der Suche nach der verlorenen Zeit (Marcel Proust)

Sonntag, 22. Dezember 2019

Der Weihnachtsbaumkauf

Ich hatte es romantischer in Erinnerung. Als ich auf den Parkplatz vor dem Lidl einbiege und mich unsicher umschaue, ob ich hier auch zum Besuch des Tannenparadieses richtig bin, zweifle ich noch ein wenig. Als ich hier vor ein paar Wochen vorbeigefahren und durch den Zaun die wunderschönen Bäume bewundert habe, hatte ich es mir so schön vorgestellt: Ich werde hier hingehen. Drei Tage vor Heiligabend werde ich hier einen Baum aussuchen. Alleine. Und stolz, dies zu tun. Das Jahr war nicht immer einfach – doch warum sollte ich mich selbst mit der Abwesenheit eines Weihnachtsbaumes bestrafen? Das bin nicht ich. So stand fest, ich werde auch alleine einen Baum haben. Wie in jedem Jahr. Fast the same procedure. Und doch so anders.

Etwas zögernd betrete ich den Baummarkt. Ein paar Jungs und eine burschikose mittelalte Dame blödeln laut herum. Das Verkaufspersonal also. Sie nehmen kaum Notiz von mir. Und ich bin ihnen in diesem Moment sehr dankbar.

Ich schlendere herum. Will mir alles einmal ansehen, keinen Baum verpassen. Ich bin da sehr akribisch. Nach den ersten drei Bäumen fällt mir ein an den metallenen Bauzaun gelehnter Baum auf. Etwas lieblos steht er da in die Ecke gestellt. Ich richte ihn auf. Finde ihn sofort sehr schön. Aus dem Bauch heraus. Da ich ja trotz aller Romantik eines Weihnachtsbaumkaufes die eben erwähnte Genauigkeit nicht abstellen kann, sehe ich mir alle anderen ebenso an. Es stellt sich keinerlei Gefühl ein. Sehe, dass mein Baum heruntergesetzt ist. Nenne ihn in Gedanken schon „mein Baum“…

Nach drei Runden um den Platz – immer verbunden mit einem Blick, ob „mein Baum“ noch da ist – sehe ich einen anderen. Gelehnt an einen Sägebock ist er nahezu perfekt. Ich sehe ihn mir an und drehe ihn. Gerade gebaut, schöne Spitze, perfekte Abstände. Mein Bauch? Sagt nichts. Ich versuche herauszufinden, warum. Wieder sehe ich herüber, ob der andere noch dasteht. Im Vergleich dazu hat er nämlich durchaus seine Macken. Etwas lange Spitze, einen größeren Abstand zu den darunterliegenden Etagen, etwas angetrockneter Matsch an ein paar Ästen. Und dieser hier? Mir dämmert es. Er erinnert mich einfach zu sehr an alle vorhergehenden Bäume. Und damit bekomme ich das Gefühl, er würde mir nun, in meinem neuen Wohnzimmer, eine Welt vorspielen, die es nun nicht mehr gibt. Vielleicht zu perfekt.

Ich gehe rüber und schau mir meine erste Wahl noch einmal an. Objektiv gesehen, hat er ein paar Knackse. Aber subjektiv – ist es genau, wie es sein muss: Ein gutes Gefühl und äußerlich ein paar Macken. Ich nehme ihn. Ich finde, er passt zu mir. Gerade jetzt.


Nachsatz:

Fünf Minuten später. Sitze im Auto und denke, ich habe das Falsche getan. Einen Baum gekauft, der diese Form hat, die ich doch sonst immer vermieden habe. Einen Baum, der komischerweise im Auto kaum den vorweihnachtlichen Tannenduft verströmt. Ich bekomme Panik, gehe im Kopf Aktionen auf Facebook durch, um diesen Baum zu verschenken. Sehe mich morgen auf einem anderen Markt einen anderen Baum kaufen. Und während ich denke, streicht meine Hand fast unmerklich über die Äste, die mir fast ins Lenkrad ragen. Auf dem Weg nach Hause. Ich glaube es ist doch mein Baum. Als er auf meinem Balkon in einem Eimer mit Wasser steht, schaue ich durch die beschlagene Scheibe und muss lächeln.



Freitag, 10. Mai 2019

Denn sie wissen nicht, was sie wollen

Es ist Wochenende. Ich habe frei, verbringe das Wochenende mit Freundinnen. Nach dem ein oder anderen Glas Wein reden wir darüber, was uns derzeit beschäftigt. Keine von uns scheint sich ihrer sicher zu sein. Unzufriedenheiten im Berufsleben, Veränderungswünsche im privaten Umfeld, neue Vorlieben.

Was uns alle vereint: jeder von uns ist in einer Phase, in der wir zweifeln. Langsam dahinterkommen, wer wir sind, was wir wollen – und was eben nicht. Ob Menschen anzuleiten, in einem Team zu arbeiten oder Rezepte zu ersinnen: Was wir vielleicht gut können – und möge es noch so simpel erscheinen - könnte es ein valider Weg sein? Ein Weg in die Zukunft, möglicherweise ein Beruf?

Wir alle haben Jobs, die wirklich gut sind, verdienen unser eigenes Geld, stehen auf eignen Beinen. Anfang / Mitte Dreißig, erfolgreich. Haben wir uns doch immer so vorgestellt. Oder nicht? Und da kommt er, der Zweifel. Ob da noch mehr ist. Nach dem Sinn unserer Arbeit.

Wollen wir das, was wir tun wirklich tun? Es ist spannend, verantwortungsvoll und manchmal mehr, manchmal weniger anstrengend. Aber erfüllt es uns? Ist es das, was wir wollen? WOLLEN?

Ein Gespräch mit meinem Chef zeigt mir, dass dies nichts Ungewöhnliches ist. Nach einem Scherz über Midlife-Krisen lerne ich, dass es in diesem Alter offensichtlich recht typisch sei, darüber nachzugrübeln, was wir eigentlich wollen.

In der Schule, ja schon in der Grundschule, gilt es früh, Bestleistungen zu erbringen. Die erste Stufe: die Gymnasialempfehlung erhalten. Haben wir das nicht erreicht, kommt früh das Gefühl auf, nicht genug zu sein, versagt zu haben. Völliger Blödsinn, denn im Grunde bin ich erst jetzt in der Lage manche Dinge, ob es Kunst oder Geschichte ist, die Aufmerksamkeit zu widmen, die es wert ist. Mit 17 war ich das nicht. Hat man die Hürde jedoch genommen, geht es mit eiligen Schritten dem Abitur entgegen. Latein oder Französisch – die Wahl hängt davon ab, was man mal studieren wolle, bekomme ich gesagt. Muss ich das wissen – in der 7. Klasse? Alles auf gute Noten setzen also. Sonst bekomme man nicht, was man will – wenn man denn wüsste, was das ist.

Nach einem Abitur mit einer 1 vor dem Komma, steht die Frage an, welches Studium denn nun in Angriff genommen werden solle. Ich entscheide mich für eine Mischung aus naivem Wunschdenken und dem, was mir am meisten Spaß gemacht hat. Oder worin ich gut war. Ganz genau vermag ich das nicht zu unterscheiden. Biologie. Irgendwas mit Tieren, nur ohne das Einschläfern sozusagen. Nach einem schnellen Ritt durch den ersten Bachelorjahrgang stehe ich flugs wieder auf der Straße und fühle mich wie nach der Schule, nur mit einem Studienabschluss in der Tasche. Yeah. Reif fürs Leben? Hm, nein. Weiß ich mehr über mich selbst? Kaum. Aber ich weiß, was ich nicht will und entscheide mich so für ein Studium der anderen Art, denn schreiben kann ich, mag ich und will ich – soviel stand fest. Journalismus. Eine Begeisterung. Als danach weder Job noch Selbstständigkeit von Geldsegen gekrönt ist und man ein Alter erreicht, wo man sich endlich auch mal was gönnen möchte oder soziale Verpflichtungen hat, gebe ich dem finanziellen Druck einer Festanstellung nach. Selbstfindung? Was für Esoteriker! Doch ich entdecke, dass ich Menschen überzeugen kann, mit ihnen arbeiten, etwas bewegen. Über 8 Jahre in einem Job, in dem ich irgendwann merke, dass etwas bewegen wollen auch Grenzen hat. Ich über den Tellerrand schauen muss und mal etwas bewegen muss – nämlich mich selbst. Der nächste Job zeigt, dass ich noch viel zu lernen habe, das kann Spaß machen und bringt mich weiter. Das Rad läuft wieder schneller, ebenso scheint es die Zeit zu tun.

Nach so einem Lebenslauf, oder irgend einem Ähnlichen, führt irgendwann genau dieses Lernen dazu, dass wir uns selbst kennen lernen. Ja, erklärtes Ziel (und von manchen auch Mitte 50 unerreicht) und dennoch führt es unweigerlich zu der Frage nach dem Sinn.

Dem Sinn unseres Selbst, unserer Arbeit, unseres Schaffens. Was möchten wir hinterlassen? Wo möchten wir noch hin? Wir glauben nicht, dass es morgen zu Ende wäre, aber müssten wir nicht heute anfangen mit dem, was wir eigentlich mal erreicht haben wollen? Wird es jetzt ernst?

Am Anfang wissen wir nicht, was wir wollen. Das ist natürlich und auch gut so. Wir müssen das erst herausfinden. Doch nach Studium und zwei, drei Jobs gerät diese Frage zunehmend in Vergessenheit. Wir bauen unseren Lebenslauf aufeinander auf, Möglichkeiten kommen und scheinen sich zu ergänzen, wir verfolgen eine Bahn, deren Gleise sich ergeben haben. Doch wo führt uns das hin? Und ist es das, wo wir wirklich hinsteuern wollen? Wenn nicht - was ist es dann?

Und plötzlich ist es gar nicht so leicht. Wir haben Dinge, die wir gut können, für die wir Anerkennung bekommen, die uns guttut. Doch ist es auch das, worin unsere Leidenschaft besteht? Kann man das immer so gut auseinanderhalten? Wissen wir überhaupt, worin diese Leidenschaft besteht, oder wurde sie uns viel zu früh für unerreichbar, absurd, nicht machbar erklärt oder haben wir sie uns selbst gar ausgeredet? Haben wir sie längst gefunden und trauen sie uns selbst nicht zu?

Ich weiß es nicht, aber ich glaube wir jungen Menschen um die Dreißig – uns vereint das Gefühl der Unklarheit, wo wir von uns selbst eigentlich Klarheit erwarten. Und wir sollten darüber reden. Sollten uns austauschen und das Gefühl der Unsicherheit zulassen. Denn oft sehen uns andere Menschen viel klarer, sehen, wer wir eigentlich sind. Und wann der Moment kommt, im dem uns die Leidenschaft einnimmt und wir mitten in einem Film die Stopptaste drücken und diesen Artikel schreiben. Das, ja das ist dann wohl wirklich unsere Leidenschaft. Die Vision, über die wir uns viele Nächte lang den Kopf zerbrochen haben. Wir müssen sie nur zulassen. Wenn wir auf unseren Bauch hören und den Kopf mal abschalten. Ein kurzer Moment. Manche mögen ihn Inspiration nennen.

Montag, 1. April 2019

I did it my way.

"Mutig!" Das höre ich von vielen, denen ich in letzter Zeit von meiner Reise berichtet habe. Mutig, allein in ein asiatisches Land zu fahren. Dort dem Straßenverkehr zu trotzen. In den Dschungel zu laufen. Ich zucke nur mit den Schultern und fühle mich eigentlich gar nicht so, als hätte ich etwas Besonderes geleistet. I just did it my way.

"I've had it all" singt Harald Juhnke und ich denke oft daran zurück, seit ich hier bin. Ich hatte sie. Die Leichtigkeit des Seins. Das Vertrauen in die Menschen. Die Abwesenheit von Hektik trotz all dem, was ich auf meiner Reise gesehen und gemacht, ja gemeistert habe.

Das Internet ist voll von Artikeln, die der Frage nachgehen, wie schwer es ist, allein zu verreisen. Ist es nicht. Doch warum schreibt niemand, ja warnt einen niemand davor, dass es das Schwierigste ist, sich all das nach der Reise zu erhalten?

Ich verschlinge jede Doku über Thailand, um dieses Gefühl wach zu halten - ihm Futter zu geben. Doch abends um halb acht nach einem langen Arbeitstag, während man im Nieselregen auf die Bahn wartet, plant der Kopf schon wieder wie eh und je. Was kaufe ich zum Essen ein, wann kommt die Freundin rum, zum Sport müsste ich gehen, mist, Wäsche vergessen, und oh, ich muss das Meeting noch vorbereiten. Ich bin überzeugt, all dies könnte auch mit der Lockerheit der Planung auf meiner Reise passieren, doch der Kopf malmt in alten Mahlwerken. Viel zu schnell wieder in alte Fahrwasser geglitten ohne es so richtig zu merken. Dazwischen kurze Szenen der Reise. Wie Blitze, die das Organisationskarussell kurzzeitig unterbrechen. Doch darin verweilen gelingt nicht, zu groß ist die bunte Masse des Alltags.

Mutig? Ich weiß es nicht. Meine Anerkennung gilt dem, der es nach der Reise schafft, das Gefühl, die Änderungen an der eigenen Person und ein wenig diese unendliche Leichtigkeit aufrecht zu erhalten.



Freitag, 22. Februar 2019

Was, schon Zeit für ein Fazit?

Ich bin durch den Dschungel gerannt, habe Fische und Elefanten gesehen, auf Bangkok geblickt. Unglaublich, was ich in drei Wochen alles erlebt habe. Viel, viel zu schnell ist die Zeit vergangen. Mich selbst gefunden? Habe ich nicht. Ich habe einfach einen neuen Flecken auf dieser Erde entdecken dürfen. Ein Erfolg? Das war die Reise auf jeden Fall! Mein Fazit? Alleine reisen ist gar nicht so anders.

Man überlegt nicht lange, sondern irgendwie ergibt es sich immer schnell: wo man isst, was man am nächsten Tag macht, wann man losfährt zum Flughafen. Wahrscheinlich weil man es einfach innerlich weiß. Und einfach macht. Überhaupt habe ich hier begonnen, viel mehr im Moment sein zu können, statt lange nachzudenken. Denn dieser Moment kommt nicht wieder. Ob du nun in der sengenden Sonne auf die Polizei wartest oder die ersten Fische im glasklaren Meer erblickst.

Man ist relaxter, auch wenn mal was schief geht: das innere "och schade" ist schnell überwunden, Pläne schnell geändert. Seine Komfortzone kann man sich überall schaffen. Und hin und wieder lockt einen die Welt dann sowieso heraus.

Was ich gelernt habe - hier in aller Kürze:

Reiseplanung:
Das Planen der Weiterreise ist etwas lästig, da man manchmal das im Moment sein gegen ein lahmes wlan tauscht.

Das Wichtigste was ich mithatte: 
Powerbank und Handy. Für Fotos, Telefonate mit der Polizei und Kontakt zu all den Lieben.
Zudem: Lange dünne Hose und T-Shirts für muslimisch geprägte Gebiete und die vielen Tempel.

Was ich hätte zuhause lassen können: 
So allerlei. War ja klar. Die Bücher. Tops. Kleider, die über dem Knie enden. Aufgrund meiner Unterkunftswahl hätte ich auch kein Mosquitonetz und keinen Steckdosenadapter gebraucht.

Was ich (über mich) gelernt habe: 
Ich krieg das alles hin und es wird schön. Keine Langeweile zu keinem Zeitpunkt. Nächstes Mal: Immer einen Tag länger bleiben, um Gesehenes zu verarbeiten und die Erholung nicht zu vergessen. Mal gar nichts anzusehen, sondern nur aufs Meer zu schauen.

Und: 
Die Menschen sind nett. Sie helfen, wenn man Kurven nicht verträgt, sie sorgen für tolle Gespräche beim Abendessen oder nach Sonnenuntergang, man kann mit ihnen einen lockeren Tag auf See verbringen. Und selbst wenn man mit einem verschrammten Auto zurückkehrt: Nett bleiben, konsequent, nicht nachgeben. Und dann kommt diese Nettigkeit auch zu einem zurück. Lächeln! Und entspannt bleiben. Einfach mal keine Sorgen machen und den Moment nehmen wie er ist.

Ob es der Buddhismus ist oder die erste Soloreise: das nehme ich mit. Nach Hause.

Mittwoch, 13. Februar 2019

Bangkok

Bangkok ist anders. Hier gibt es alles: die wirklich allergrößte Armut, zwielichtige Typen, luxuriöse Skybars. Und dazwischen eine riesiger Haufen Touristen. Die Khao San Road, dessen Straßenmarkt als Backpacker ja quasi zum Pflichtprogramm gehört, empfinde ich als aufdringlich. Ob es die 10 Baht sind, damit man ein Foto von gerösteten Skorpionen machen kann, oder die mindestens 10 Händler, die einen ansprechen, während man hindurchschlendert und versucht zwischen Billigwaren aus China das eigentliche Bangkok zu entdecken: die Stadt lässt sich schwerlich erfassen. Es sind nahezu 40 Grad und der Smog lässt die Sonne nur gedämpft hindurch. Am Rande der Bars, wo Touristen sich überteuertes Chang gönnen, um ihr neues Henna Tattoo zu feiern, gibt es ein paar Essensstände, wo dies vielleicht noch gelingen mag.


Ein bisschen Echtheit entdecke ich, als ich morgens bereits um halb neun durch das Universitätsgelände laufe. Es ist schon jetzt unglaublich heiß, doch auf dem Campus fühle ich mich wohler. Nach einer halben Stunde Spaziergang brauche ich Abkühlung in einem klimatisierten Cafè. Draußen ziehen in Scharen die Reisegruppen auf dem Weg zum Großen Palast vorbei.

Hier scheint es als sei ganz China hier. Es ist unglaublich voll, kein Foto, kein Blick nach oben zu den wunderschönen Dekorationen der Gebäude ohne angerempelt zu werden. Kein Stehenbleiben, um die Geschichte der Wandmalereien zu verstehen, denn man wird weitergedrängt. Nach kaum 5 Minuten steigt eine Aggression in einem hoch, die wohl nicht im religiösen Sinne der eigentlich unglaublichen Anlage wäre. Setze mich auf eine Stufe im Schatten, nicht ohne, dass mir zweimal fast der Plan aus der Hand gerempelt wird, um wirklich zu versuchen diesen Ort jenseits des Tourismus zu erfassen. Es ist unmöglich. Stelle mir vor, hier allein durchlaufen zu können.


Der Smaragdbuddha, welcher eigentlich aus grüner Jade gehauen wurde, sitzt ganz klein auf ein hohen goldenen Thron umgeben von vielen Statuen. Ich überlege, was er von dort oben wohl zum Treiben hier unten sagen würde. Fotos sind hier nicht erlaubt, doch diesem den Thais heiligste Ort ist - so mein Empfinden - jede Heiligkeit verloren gegangen. Es wird telefoniert, die Reisegruppe zusammengerufen, gedrängelt. "Be quiet" steht am Eingang und vor der Tür pfeifen die polizeilichen Ordner die Massen in die richtige Richtung. Um den Palast selbst wird man natürlich in guten Abstand herum geleitet, doch die Gebäude selbst sind wirklich schön, die Mosaike unzählbar und überall ist es so herrlich bunt und golden.

Wat Arun kann das allerdings noch überbieten. Auf der anderen Seite des Flusses gelegen ist dieser Tempel, geziert mit rosa Blüten und überbordenden Mosaiken, ein Traum. Ich finde hier auch die vermisste Ruhe einer Tempelanlage wieder. Ein letzter Blick auf Buddha und ein paar Mönche, die im Schatten sitzen.


Ein Spaziergang durch den Markt, ein Pad Thai und der Weg durch viele verschiedene Viertel bis Chinatown lässt mich Abschied nehmen von dieser Stadt. Ausklingen lasse ich diesen Besuch mit einem Blick von oben. In der Above Eleven Skybar. Mit einem Cocktail. Es war eine grandiose Reise! Auf mich!

PS.: Der Blick von hier oben ist unglaublich. Unweigerlich treibt es mir die Tränen in die Augen. Diese Stadt kann man nicht so schnell erfassen. Ich muss wiederkommen. Und dennoch bin ich auch ein klein wenig stolz auf mich. Viele haben ungläubig geschaut, dass ich alleine reise. Engländer, Spanier, Einheimische. Dennoch: Ich habe alles geschafft. Auch wenn nicht immer alles nach Plan lief - ich hab das gewuppt! Ich glaube heute Abend habe ich gemerkt, dass ich alles schaffen kann. Und konnte es so richtig genießen. Der beste Mojito on top of the world! Na - zumindest gefühlt.